Du stehst näher am Abgrund, als du denkst.

Du stehst näher am Abgrund, als du denkst.

Im September 2017 legte ich meinen Blog ruhig, widmete mich dem Podcasten, Mode designen und anderen Tätigkeiten. Heute, knapp ein Jahr später, juckt es mir so unter den Nägeln, dass ich nicht anders kann, als das zu tun, was wir alle tun müssen: uns kollektiv, inklusive mir, in den Arsch zu treten.

Seit der industriellen Revolution hat sich das Klima auf der Erde um einen Grad Celsius erwärmt. Das Pariser Klimaabkommen, beschlossen am Earth Day 2016  und kurz darauf ratifiziert, spricht von einem Zwei-Grad-Ziel. Es beschreibt das Ziel, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Die Chancen dieses Ziel zu erfüllen stehen laut Experten bei 5%

 

“We’re closer to the margin than we think”

 

Das realistische Ziel sind also nicht mehr zwei, sondern drei Grad, was Wälder in der Arktis, die Überschwemmung fast aller Küstenstädte bedeuten würde. Viele ExpertInnen gehen von vier Grad aus. Permanente Dürre über Europa macht sich breit, größte Teile Chinas, Indiens und Bangladeschs sind Wüste, pazifische Inseln wie Französisch Polynesien stehen aufgrund des Meeresspiegelanstiegs komplett unter Wasser, Bewohner der Metropolen New York, Mumbai, Shanghai oder Hamburg müssen fliehen und Wetterkatastrophen sind nichts Außergewöhnliches mehr. Das Ende der menschlichen Zivilisation sehen WissenschafterInnen bei 5 Grad Celsius. Laut einer Studie von CarbonBrief wäre jedoch bereits der Unterschied von 1,5 zu 2 Grad unverhältnismäßig schwerwiegender

Wenn man sich die Chronik der Weltklimakonferenzen ansieht, staunt man nicht schlecht in Anbetracht der Tatsache, dass man zwischen 1979 und 1989 knapp vor einem bindenden Abkommen stand. Alles was wir heute über den Klimawandel wissen, wussten wir auch damals. Bloß, dass damals die Chancen besser standen, als sie es heute tun. Auch einige Jahre später, als das Kyoto Protokoll nach fünf Jahre währenden Verhandlungen erste Hoffnung bringt, soll diese recht schnell verfliegen, als die USA und darauf folgend Kanada und Australien aussteigen. Heute stehen wir erneut vor dem Problem, als im Sommer 2017 die Vereinigten Staaten von Amerika bekannt geben, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen. Ein Ausstieg der USA, als zweitgrößter Treibhausgasemittent nach China, könnte zu einer 0,3 Grad Erhöhung der Temperatur führen, was die Realisierung des festgesetzten Zwei-Grad-Ziels undenkbar macht.

Wir haben Zugang zu allen notwendigen Informationen: wir wissen, dass ein steigendes Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt einen größeren CO2-Fußabdruck bedeutet und wir wissen somit, dass es nicht die Menschen weit weg, sondern wir sind, die etwas ändern müssen.  Es sind wir, die reichen Menschen, die jeden Tag schlechte Entscheidungen treffen, obwohl wir Zugang zu notwendiger Freiheit und Wohlstand hätten, bessere Entscheidungen zu treffen.

 

"World's richest 10% produce half of global carbon emissions"

 

Würde ein Asteroid auf die Erde zurasen, wären die Schlagzeilen voll davon. Wir würden rennen, schreien, händeringend versuchen, die Katastrophe aufzuhalten. Wir würden realisieren, dass der Abgrund näher ist, als wir dachten. Wieso auch nicht jetzt? Wieso lassen uns die katastrophalen Prophezeiungen kalt? 

Allem voran: uns fehlen die Bilder. 1975 erschien der Spielfilm "der weiße Hai", der nachhaltig das Bild des Haies in der Zivilgesellschaft prägte. Ungeachtet der Tatsache, dass Haie jährlich bloß knapp 10 Menschen umbringen, brach eine Hysterie und Angst vor Haien aus. Wieso es diesen Film nicht für den Klimawandel gibt? Das Thema sei zu unsexy und sogar schockierende Photomontagen wie die des Künstlers Nickolay Lamm für Climate Central, blieben unbeachtet.

 

“It’s not a very sexy subject, and people just don’t want to deal with it and think about it.”

 

Zum Anderen sind wir zu bequem. Zu bequem, aktiver zu werden, zu bequem, über das unbequeme Thema zu sprechen, zu bequem, diesen oder andere lange Texte über Klimawandel bis zum Ende zu lesen, zu bequem die bequeme Komfortzone zu verlassen. Wir, die Menschen, die in keinem Slum leben, die auf keinem Baumwollfeld stehen, wir, die Menschen die in Europa leben. Wir, die Menschen der EU, die das höchste bzw. zweithöchste Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt weltweit verzeichnen. Selbst als Student in Wien, mit einem minimalen Einkommen, ist dein Hebel wirtschaftlich gesehen um ein Vielfaches höher als der eines Bewohners Indiens. Und trotzdem fliegen wir Kurzstrecken, kaufen toxische Kleidung, essen Fleisch. Immer argumentierend, dass die bessere Entscheidung zu teuer wäre, obwohl wir es uns, mit ein bisschen Mühe, leisten könnten, mehr Zug zu fahren, weniger und dafür ökologische Produkte zu kaufen und kein Fleisch zu essen. Es sind scheinheilige Argumente, die wir jeden Tag von uns geben wie tibetanische Gebetsmühlen. Außer Acht lassend, dass es vor allem dann richtig teuer wird, wenn der Abgrund noch näher kommt. 

Und wenn dein erster Gedanke, wo du fast fertig mit diesem Text bist, ein defensiver "aber du fliegst doch selber" oder "ich mache ja eh schon genug, sollen die Anderen sich bemühen" -Gedanke ist, dann stoppe den Gedanken jetzt in dieser Sekunde, fang trotzdem bei dir an und lies weiter.

Wir, die den Zugang zu Bildung, Wissen, Macht und Geld haben sind die, die vor dem Abgrund stehen und runter schauen, vielleicht noch ein zwei Selfies schießen, denn Abgründe machen sich gut auf Instagram. Und so witzig wie dieses Bild ist sie dann doch wieder nicht. Sie, die Vorstellung, dass die Kinder und Kindeskinder dieser Welt nicht mehr vor dem Abgrund stehen, sondern direkt in den Abgrund, die Hölle, die Flammen gestoßen werden, weil wir nicht uns selbst, sondern ihnen den Tritt geben.

Hol dir endlich den Selbstwert, der dir gebührt.

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Lesestunde: "Wann wird es endlich wieder so wie es nie war" von Joachim Meyerhoff

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